TEXT

Von der Landnahme zur Hochkultur

Die  „Torsi“ von Wilhelm Morat verhelfen dem Papier zur Autonomie

Papier ist eine wichtige Erfindung der Zivilisation. Willig trägt es das geistige Gut einer Kultur durch die Jahrhunderte. Papier legitimiert sich, indem es benutzt, bedruckt, beschrieben wird, das weiße Blatt dagegen steht für Abwesenheit von Information. Der Bildhauer Wilhelm Morat stellt sein Papier selbst her, nicht aus pathetischer Naturverbundenheit, sondern weil es konzeptionell notwendig ist. Er greift in jede Phase des Entstehungsprozess künstlerisch ein. Er baut die Faserbreie wie eine Skulptur zusammen. Er speist Farbpigmente ein, die die Fasern durchdringen. Er verlegt Drähte, die dem Material die Form einschreiben. Wilhelm Morat nutzt Papier nicht als Träger, sondern führt den Werkstoff zur Autonomie: Es wird selbst Botschaft.

Die „Torsi“ beginnen ihre Erzählung bei der Scholle, die die ersten Siedler nutzbar machten. Die Lineaments und Drahtzeichnungen wiederum durchpulst der ästhetische Gestaltungswille des Deus artifex, des Künstlers als Schöpfer. Zugleich brechen die skulpturalen Objekte aus in die Dreidimensionalität - und verweisen auf den Menschen als Konstrukteur und Städtebauer.

So erinnern die Formen an Architekturfragmente, aber auch an Körper, Florales oder Textiles. „Torsi“ ist doppeldeutig zu verstehen. Ob man Körperhüllen assoziiert oder Stoffe, es sind Fragmente, die auf einen Kontext verweisen und erst durch die Interpretation zur Vollendung gelangen. Zugleich weisen die Objekte über das Körperhafte hinaus und implizieren existenzphilosophische Fragen. Die Skulpturen erzählen nicht nur die Entwicklung unserer Kulturgesellschaft nach, sondern führen die arbeitsteilige, entfremdete Industriegesellschaft symbolisch zurück zu einer Einheit: agrarisches, kreatives und wissenschaftlich-konstruktives Schaffen koexistieren in diesen Kunstwerken in friedlichem Einklang.

So schlagen die fragilen wie kraftvollen Skulpturen einen Bogen von der Landnahme durch den Menschen bis zur hochkultivierten Zivilisation. Zugleich kommt das Papier zu sich selbst: Es trägt nicht den künstlerischen Geist, sondern gibt ihm durch seine Materialität Gestalt.

ADRIENNE BRAUN, Stuttgart 2008

 

 

Geflechte und Installationen aus Tageszeitungen

Kulturmaterial Papier zwischen Transformation und „ästhetischem Recycling“

„… denn jeder weiß, dass der Künstler zugleich etwas vom Gelehrten und vom Bastler hat: mit handwerklichen Mitteln fertigt er einen materiellen Gegenstand, der gleichzeitig Gegenstand der Erkenntnis ist.“

 Claude Lèvi-Strauss

In seiner Schrift „Das wilde Denken“ ordnet der französische Ethnologe Claude Lèvi-Strauss das künstlerische Schaffen einem Zwischenbereich zu, der zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und mythischem oder magischem Denken angesiedelt ist. Der Künstler hat, so die Schlussfolgerung Claude Lèvi-Strauss´, „zugleich etwas vom Gelehrten und etwas vom Bastler“, da sich dieser „mit Hilfe von Mitteln ausdrückt, deren Zusammensetzung merkwürdig und heterogen ist“.

Was Claude Lèvi-Strauss als allgemeinen Grundzug des künstlerischen Prozesses begreift, manifestiert sich ebenfalls in den materialbezogenen Objekten und temporären Projekten des Papierkünstlers Wilhelm Morat.

Morats Schaffensprozess kann sowohl vor dem Hintergrund seiner unmittelbaren Erfahrung als auch vor dem wissenschaftlicher Erkenntnisse und Diskurse gesehen werden, die in den letzten Jahren vor allem in den Printmedien diskutiert wurden. Die aus diesem Zusammenhang entwickelten künstlerischen Produkte sind Zeugnisse und Reflexionsobjekte einer Wirklichkeit, die sich durch Naturzerstörung, Ausbeutung der Rohstoffe  und Energieressourcen, Massenproduktion, Effektivitätswahn und entfremdete Produktionsbedingungen auszeichnet. Dieser Wirklichkeitserfahrung versucht Morat mit einem künstlerischen Konzept zu begegnen, das mit einer bewussten Materialwahl und mit „Machen“ verbunden ist, mit dem sowohl der direkte manuelle Umgang mit dem Material, als auch das prozesshafte Eigenverhalten, das „Laisser-faire“ des Materials gemeint ist.

Objekte aus industriell gefertigtem Material

Objekte aus Tageszeitungen

Kulturmaterial Papier zwischen Transformation und „ästhetischem Recycling“

Bei den aus industriell vorgefertigtem Material erzeugten Objekten sucht Wilhelm Morat nach einer Analogie zwischen natürlichen Vorgängen und künstlerischem Schaffen, die letztendlich auch Konsequenzen für die Werkform selbst mit sich bringt, die nicht mehr als finaler Werkzustand, sondern als eine sich in der Realzeit wandelnde, vergängliche Materialsituation begriffen werden kann.

Parallel zu den temporären Projekten im Außenraum sind auch Innenraumarbeiten aus dem industriell erzeugten Kultur- und Massenprodukt „Papier“ entstanden. Papier als Druckerzeugnis und Informationsmedium ist nicht nur ein billiges und leicht verfügbares Ausgangsmaterial, sondern es besitzt sowohl einen inhaltlichen als auch physikalischen Zeitfaktor: nur für einen kurzen Augenblick entfalten die Printmedien Gültigkeit und Aktualität, um dann als kulturelles Abfallprodukt erneut Energie an die Umwelt zu dissipieren. Außer den physikalischen Eigenschaften zeichnen sich die Informationsmedien auch durch eine spezifische ästhetische Qualität aus, die für den Künstler an deren Oberfläche liegt bzw. an dem, was nach ihrer künstlerischen Verwertung und Aufbereitung noch von ihr erhalten ist. Das manuelle Verfahren des Flechtens führt zu Objekten, die die spröde, im Laufe der Zeit vergilbende Schwarz-Weiß-Ästhetik der Tageszeitung, die hin und wieder durch einige Farbabbildungen unterbrochen wird, sowie die typografische Struktur und den Informationsgehalt des Mediums im wahrsten Sinne des Wortes verdrehen und destruieren. 

Die Geflechte sind komplexe Strukturgebilde, die aus Doppelseiten von Tageszeitungen gefertigt sind. Die Doppelseiten der Printmedien werden zu zigarrenförmigen Teilen gedreht und in einem weiteren Arbeitsprozess in ein Drahtgeflecht eingeflochten. Diese Zeitspeicher breiten sich raumbezogen zu Installationen aus. Ihre Gestalt bleibt variabel, mehrdeutig und flexibel und lädt zu plastischen Handlungs- und Spielformen ein. Die biotektonische Gestalt der Geflechte, die sich aus Variationen nicht identischer Elemente zusammensetzt, unterscheidet sich vom papierenen Ausgangs- und plastischen Trägermaterial insofern, dass diese einmalig, unverwechselbar und nicht wiederholbar ist, während die industrielle Massenproduktion exakt wiederholbare und identische Ergebnisse anstrebt. Die Gegenüberstellung von Regelmäßigkeit und Irregularität, von Struktur und Zufall thematisiert dabei nicht nur den Prozess des künstlerischen Schaffens, sondern weist auch hier wieder auf die Dichotomie von künstlich Gemachtem und natürlich bzw. prozesshaft Entstandenem hin.

Wenn Wilhelm Morat aus den mit hohem Rohstoff- und Energieaufwand erzeugten Printmedien singuläre ästhetische Produkte gewinnt, so kann man in diesem Zusammenhang auch von einem „ästhetischen Recycling“ sprechen, mit dem er auf metaphorische Weise versucht, dem Entropie-Prozess der Welt entgegenzuwirken.

Susanne Jakob